von Altiero SpinelliZUSAMMENFASSUNG: "Ich behaupte, da heute kein einziges wichtiges Problem existiert, das noch ernsthaft mit rein nationalen Kriterien oder Mitteln angepackt werden könnte." Das ist das politische Testament, das der Vater des europäischen Föderalismus und des Manifests der Zwanzig für einen Europäischen Einigungsvertrag von 1942, Altiero Spinelli, der Radikalen Partei hinterlie . Wenige Monate nach seiner im folgenden abgedruckten Rede auf dem Parteitag der Radikalen Partei starb Altiero Spinelli.
(Erste Fassung der "Einzelausgabe" für den 35· Parteitag der Radikalen Partei - Budapest 22. - 26. April 1989)
Ich will Euch an dieser Stelle nicht noch einmal all die politischen, ökonomischen, militärischen und kulturellen Gründe aufzählen, die uns für die Einheit Europas eintreten lassen. Man hat solange und soviel darüber geredet, da sie wohl allen bekannt sein dürften. Erlaubt mir hier nur, einen einzigen Grund hinzuzufügen, der zwar sehr gewichtig ist, aber doch immer wieder völlig vernachlässigt wird. Es wird häufig gesagt, im Falle eines Nichtzustandekommens der Einigung Europas - und sie hat in der Tat so viele Hindernisse zu überwinden, da man mitunter nicht mehr an einen Erfolg dieser Idee glauben kann - wäre eine Rückkehr zum Nationalismus unvermeidbar, und zwar nicht zuletzt deswegen, weil dieser Nationalismus ohnehin in allen Ländern stark verbreitet ist.
Eine Tendenz zur nationalen Arroganz, zum Protektionismus, zum Fremdenha , zum Rassismus und zu anderen ähnlichen sogenannten 'Tugenden' der Mythologie vom souveränen Nationalstaat kann man in den verschiedensten Staaten beobachten, auch bei uns. Aber diese Auferstehung des Nationalismus ist in Wirklichkeit nichts als hei e Luft, die viele Politiker in ihren Reden ablassen, da ihnen die Ideen und die Kriterien fehlen, um die Wirklichkeit, in der sie leben, beurteilen zu können.
Die Tatsache, da heute keine der gro en politischen Fragen, ob sie die Wirtschaft, die Währung, die Wirtschaftshilfe für weniger entwickelte Länder, die Verteidigung, den Umweltschutz, die Wissenschaft und Forschung oder die Gesamtheit unserer Kultur betreffen, also, so meine ich, keines dieser gro en Probleme kann heute ernsthaft mit nationalen, einzelstaatlichen Kriterien und Instrumenten angepackt werden.
Trotz der Wiederherstellung der nationalen Territorien nach dem letzten Krieg, und über die heute wieder zu beobachtenden oberflächlichen Aufwallungen nationalistischer Gefühle, vor allem über das aufkommende nationalistische Geschrei hinweg, sehen wir doch, da in Europa so gut wie alle oben genannten Probleme in Wirklichkeit schon auf internationaler und länderübergreifender Ebene angepackt worden sind, und zwar im wesentlichen mit zwei Methoden: auf der einen Seite der Versuch, die Europäische Gemeinschaft zum Hauptangelpunkt zu machen; und auf der anderen Seite der Versuch, ein von den Europäern gemachtes Europa zu realisieren. Gleichzeitig aber gibt es auch den Versuch, ein von den Amerikanern gemachtes Europa zu schaffen. Und ich möchte, da wir über diese letzte Möglichkeit nicht unnötigerweise, und deshalb auch in nicht ernsthafter Weise in Zorn geraten.
Die imperiale Einheit unter der amerikanischen Schirmherrschaft ist sicherlich sehr demütigend für unsere Völker, doch dem Nationalismus immerhin überlegen; denn sie beeinhaltet eine Antwort auf die Probleme der europäischen Demokratien, während auf der anderen Seite eine Rückkehr zum Kult der nationalen Souveränität keineswegs eine Antwort wäre. Die von den Europäern selbst geschaffene Einheit dagegen ist die einzige wirkliche Alternative zur imperialen Einheit. Alles andere ist historische Schaumschlägerei, nicht aber Geschichte. (...)