(Erste Fassung der "Einzelausgabe" für den 35· Parteitag der Radikalen Partei - Budapest 22. - 26. April 1989)September 1968
EINMARSCH IN DIE TSCHECHOSLOWAKEI: DIE ERSTE GEWALTFREIE AKTION IM OSTEN
Am Anfang der vielen gewaltlosen Aktionen in den verschiedenen Hauptstädten der osteuropäischen Länder standen Demonstrationen als spontane Antwort auf den Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei am 21. August 1968.
Diese Aktionen wurden ma geblich von "War Resisters International" und der Radikalen Partei organisiert. In Sofia verteilen der Sekretär der Radikalen Partei, Marco Pannella, zusammen mit anderen radikalen Streitern Flugblätter, die die sowjetische Invasion und die brutale Unterdrückung des Prager Frühlings sowie deren Unterstützung durch andere "sozialistische" Staaten scharf verurteilen.
Die radikalen Demonstranten werden verhaftet, scharf verhört und schlie lich des Landes verwiesen.
April 1982
"LEBEN, BROT UND ABRÜSTUNG"
Am 19. April demonstrieren Radikale gleichzeitig in allen Hauptstädten des sowjetischen Imperiums. Um 11.30 Uhr werden gro e Spruchbänder entrollt, auf denen in den verschiedenen Sprachen der Slogan "Leben, Brot und Abrüstung" geschrieben steht. Gleichzeitig werden Flugblätter mit der Forderung verteilt, die 40 Millionen Menschen, die Jahr für Jahr durch Hunger vernichtet werden, zu retten und ausreichende Finanzmittel bereitzustellen, um sofort diese Menschen zu retten, die andernfalls dem sicheren Tod ausgeliefert sind. Au erdem wurde die Tatsache angeklagt, da die osteuropäischen Länder sich nicht an den internationalen Hilfsaktionen für die unterentwickelten Länder beteiligen.
Anhänger der Radikalen Partei aus Frankreich, Spanien, Italien und Belgien demonstrieren in Moskau, Prag, Ost-Berlin, Sofia, Budapest und Bukarest, nicht aber in Warschau, da das dort ausgerufene Militärrecht Ausländern die Einreise verbietet. Alle gewaltlosen Demonstranten werden verhaftet und ausgewiesen.
Oktober 1983
AUF DEM WENZELSPLATZ FÜR ABRÜSTUNG
Der 21. Oktober wird von der UNO zum Tag für Abrüstung und Frieden erklärt. Die Radikalen machen aus diesem Tag kein Ritual, sondern nehmen ihn zum Anla , erneut in den osteuropäischen Ländern für die Abrüstung im Osten und im Westen zu demonstrieren. Am 21. Oktober erreicht der Bus mit radikalen Demonstranten die tschechoslowakische Grenze und wird von der Polizei gestoppt. Doch die Radikalen besetzen die ganze Nacht und auch den nächsten Vormittag die Grenzstation, was die Grenzpolizei nicht verhindern kann. Um 13 Uhr am 22. Oktober entfalten drei radikale Demonstranten auf dem Prager Wenzelsplatz ein gro es Spruchband mit der Aufschrift "Leben, Brot und Abrüstung" und verteilen Flugblätter in tschechischer Sprache. Sie werden sofort festgenommen und ausgewiesen.
August 1985
HIROSHIMA, VIERZIG JAHRE DANACH
Hiroshima, vierzig Jahre danach. In 14 Hauptstädten des Ostens und des Westens gleichzeitig demonstrieren am 5. August viele Radikale aus Italien, Frankreich, Belgien und Spanien in Washington, Moskau, Warschau, Prag, Budapest, Ost- und West-Berlin, Athen, Ankara, Paris, Brüssel, Rom, Madrid, Belgrad. Sie fordern au erordentliche Ma nahmen gegen die weltweite Vernichtung durch Hunger und neue gesetzliche Regelungen zur Anerkennung der Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen. Ein aus diesem Anla verteiltes Flugblatt betont unter anderem: "Es kann keinen Frieden geben, solange weiterhin widerstandslos die Vernichtung durch Hunger und Kriege hingenommen wird. Es kann weder Frieden noch Sicherheit noch gegenseitiges Vertrauen geben, solange Millionen Menschen in Diktaturen leben müssen, sei es in denen des Ostens oder denen im Süden der Welt, solange ihnen das Recht auf Wissen, Meinungsfreiheit abgesprochen wird, und sie nicht die Geschicke ihres Landes mitbestimmen können, solange nicht der Rassismus, Nati
onalismus und die bewaffnete Unsicherheit hinweggefegt worden sind, auf denen die herrschenden Klassen und Bürokratien ihre Macht gründen. Wir betonen, da unsere parlamentarischen Regierungen kein Recht haben, unsere demokratische Überlegenheit zu beanspruchen, solange ihre politischen Entscheidungen von den Interessen eines militär-industriellen Systems bestimmt sind, solange sie die volle Anerkennung des Rechts auf Wehrdienstverweigerung all denen verweigern, die versuchen, einen schwierigen aber notwendigen Weg zu finden, um eine Gesellschaft und Verteidigungskonzepte aufzubauen, die auf das Leben und das Recht gegründet sind."
Diese Demonstrationen in 14 Ländern stellten einen Wendepunkt in der Geschichte des traditionellen Pazifismus dar. Die Radikalen haben neue Ma stäbe gesetzt, indem sie die Probleme der Verteidigung und der Sicherheit ausschlie lich mit der Rüstung, der Unterentwicklung und dem Aufbau und der Garantie des Rechtsstaat ursächlich verbinden.
Die Moskauer Polizei drängte die Demonstranten von den sich auf dem Roten Platz befindlichen sowjetischen Bürgern ab. In Ankara, Belgrad, Brüssel und Ost-Berlin kam es ebenfalls zu Festnahmen.
September 1985
JUGOSLAWIEN IN DIE EG
Italienische, französische und belgische Radikale verteilen mehr als 50.000 Flugblätter und Aufkleber mit der Forderung der Aufnahme Jugoslawiens in die Europäische Gemeinschaft und nach Meinungsfreiheit in Belgrad, Dubrovnik und Zagreb. Die Verteilung der Flugblätter dauert drei Tage, danach werden die Radikalen verhaftet, vor Gericht gestellt und ausgewiesen.
Juni 1986
AUFSEHENERREGENDE DEMONSTRATION AUF DEM PARTEITAG DER POLNISCHEN KP
Auf dem Zehnten Parteitag der polnischen Kommunistischen Partei wird der Triumph der Normalisierungspolitik Jaruselskis in Anwesenheit Gorbatschows gefeiert. Am 30. Juni, genau in dem Moment als der sowjetische Generalsekretär von der Rednertribüne seine Parteitagsrede beginnt, entrollen acht Radikale aus Italien, Spanien,Belgien und Frankreich, unter ihnen der Abgeordnete der Radikalen Partei im italienischen Parlament Corleone vor dem Sitz der Kommunistischen Partei Polens ein Spruchband verteilen Flugblätter, in denen gefordert wird, die 250 politischen Gefangenen und über Tausend Wehrdienstverweigerer aus den Gefängnissen freizulassen. Die Demonstranten werden verhaftet, in einem Schnellgerichtsverfahren verurteilt und nach zwei Tagen im Gefängnis bei Wasser und Brot ausgewiesen.
Januar 1987
JARUSELSKI IN ROM, DIE RADIKALEN IN WARSCHAU
Als eine der ersten westlichen Regierungen lädt die italienische Regierung General Jaruselski nach Rom ein und wertet somit den Mann politisch auf, der die erneuernde Kraft von Solidarnosc erstickte. Im Zuge dieses Staatsbesuchs wurde demselben Mann wirtschaftlich Hilfe und Erleichterungen durch die Aushandlung riesiger Kooperationsverträge mit italienischen Unternehmen zugestanden. Diese doppelte Aufwertung wird in keiner Weise an die Bedingung der Demokratisierung des Landes oder des Zugestehens grö erer Freiheit für das polnische Volk gebunden.
Die Radikale Partei kritisiert dieses Verhalten der italienischen Regierung scharf. An dem gro en Fackelzug, der an dem Hotel, in dem Jaruselski residiert, endet, nehmen Tausende von polnischen Flüchtlingen teil.
Gleichzeitig entfalten Radikale in Warschau Spruchbänder, verteilen Flugblätter und übertragen für mehr als eine Stunde mit Hilfe eines tragbaren Lautsprechers immer wieder in polnischer Sprache den Slogan: "Eure Freiheit ist auch unsere Freiheit !"
September 1987
MOSKAU: DESERTIERT IN AFGHANISTAN
Am 4. September verteilen Radikale in Moskau an den U-Bahnausgängen Tausende von Flugblättern, in denen die jungen Sowjetbürger aufgefordert werden, den Militärdienst in Afghanistan zu verweigern. "Nur das Recht, gegen den Krieg zu demonstrieren garantiert allen, uns und Euch den Frieden; und für Euch ist der Krieg keine Fata Morgana der fernen Zukunft, sondern schon heute Wirklichkeit !"
März 1988
IM FUSSBALSTADION VON SPALATO
Spalato, 31. März: Unter den, die das Fu ballstadion füllen, um das Fu ballspiel zwischen Italien und Jugoslawien zu sehen, befinden sich auch zahlreiche Anhäger der Radikalen Partei, die in Gegenwart des Fernsehens Spruchbänder entrollen, auf denen der Beitritt Jugoslawiens zur Europäischen Gemeinschaft gefordert wird. Sie werden verhaftet, vor Gericht gestellt, zu einer Geldstrafe verurteilt und ausgewiesen.
August 1988
PRAG, ZWANZIG JAHRE DANACH
Zum zwanzigsten Jahrestag des sowjetischen Einmarsches in die Tschechoslowakei verteilen Radikale aus Belgien, Italien, Spanien und den Vereinigten Staaten in verschiedenen Regionen des Landes Zehntausende von Flugblättern. "Es reicht nicht aus, sich nur zu erinnern, " steht auf den Flugblättern, "wir sind heute in der Tschechoslowakei, um absolut gewaltlos Freiheit für unsere verfolgten Brüder zu fordern; wir fordern die Achtung der Menschen- und Bürgerrechte in der Tschechoslowakei wie in allen anderen Ländern !"
Die Radikalen bleiben zwei Tage lang völlig ungestört, doch dann werden einige festgenommen und langen Verhören unterzogen und schlie lich gezwungen, die Flugblätter vor einer laufenden Fernsehkamera vorzulesen.
Am 18. August wird die Agitation nach Prag verlegt, auf den Platz Jan Palachs. Auf den Wenzelsplatz wird ein zwanzig Meter langes Spruchband entfaltet. Es trägt die Aufschrift "Spolecneza demokracii; Sovetska vojska Prycze zeme; Svoboda; Lidska prava " (Gemeinsam für die Demokratie; Sowjetische Truppen raus; Freiheit, Bürgerrechte). Gleichzeitig befestigt eine andere Gruppe an dem Denkmal des Heiligen Wenzel ein anderes Spruchband mit der Aufschrift "Svoboda" - Freiheit.
Nach wenigen Minuten greift die tschechische Polizei ein und zieht die Spruchbänder ein, die radikalen Demonstranten werden verhaftet. Auf dem Polizeirevier werden die Radikalen gezwungen, die Spruchbänder vor einer Fernsehkamera zu entrollen. Der so gedrehte Film mit den "gefährlichen Terroristen" aus dem Westen wird dann von dem staatlichen Fernsehen ausgestrahlt.
Wenige Tage später, am 21. August, dem zwanzigsten Jahrestag des sowjetischen Einmarsches, finden sich Tausende von tschechoslowakischen Bürgern auf dem Wenzelsplatz ein. Der Regierungssprecher beschuldigt auf einer Pressekonferenz die Radikalen, sie hätten die erste gro e Demonstration in der Tschechoslowakei nach dem sowjetischen Einmarsch organisiert und provoziert.