(Erste Fassung der "Einzelausgabe" für den 35· Parteitag der Radikalen Partei - Budapest 22. - 26. April 1989)März 1966
ERSTE VERHAFTUNGEN WEGEN WEHRDIENSTVERWEIGERUNG
Festnahme von Lorenzo und Andrea Strik Lievers in Mailand, weil sie Flugblätter der Radikalen Partei verteilt hatten, die die Anerkennung der Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen forderten.
August 1967
DER MARSCH GEGEN DEN MILITARISMUS VON MAILAND NACH VICENZA
Die Radikale Partei organisiert den ersten Protestmarsch gegen den Militarismus von Mailand nach Vicenza. Die Teilnehmer demonstrieren auf dem 260 km langen Fu marsch in den auf der Strecke liegenden Städten "gegen alle Armeen". Erste politische Auseinandersetzungen und Diskussionen mit pazifistischen Gruppen, die die "roten und demokratischen Armeen" in den Befreiungskriegen in Vietnam und Afrika unterstützen. Der Protestmarsch wurde bis 1972 jedes Jahr im August auf derselben Strecke wiederholt.
September 1968
DIE RADIKALE PARTEI TRITT DER GRUPPE "WAR RESISTERS INTERNATIONAL" BEI
Die Radikale Partei tritt der internationalen Organisation der Wehrdienstverweigerer "War Resiters International" (WRI) bei, die ihren Sitz in London hat. Im Rahmen einer von WRI in allen Hauptstädten der osteuropäischen Länder organisierten Initiative demonstrieren Radikale, unter ihnen der Sekretär der Radikalen Partei Marco Pannella, in Sofia in Bulgarien gegen den sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei. Sie werden für einige Tage verhaftet und schlie lich ausgewiesen.
November 1968
DER PARTEITAG ERKLÄRT DEN UNGEHORSAM GEGENÜBER DEM MILITARISMUS ZUR GEWISSENSPFLICHT
Der Parteitag der Radikalen Partei unterstützt die Wehrdienstverweigerung. In einem verabschiedeten Beschlu betont der radikale Kongre , da "die Wehrdienstverweigerung wie alle anderen Formen des Kampfes gegen die den militärischen Organisationen innewohnende Unterdrückung unterstützt werden mu ."
Februar 1971
VON DER WEHRDIENSTVERWEIGERUNG AUS RELIGIÖSEN GRÜNDEN ZUR WEHRDIENSVERWEIGERUNG AUS POLITISCHEN GRÜNDEN
Zum ersten Mal erklären sieben radikale Anti-Militaristen gemeinsam, da sie den Wehrdienst aus politischen Gründen verweigern. Bis zu diesem Zeitpunkt waren fast alle Verweigerungen religiös oder "moralisch" begründet worden.
Februar 1972
DER SEKRETÄR DER RADIKALEN PARTEI IM GEFÄNGNIS
Der Sekretär der Radikalen Partei, Roberto Cicciomessere, wird wegen seiner Weigerung, den Wehrdienst abzuleisten, verhaftet. In Italien entsteht eine gro e Aufklärungskampagne zur juristischen Anerkennung der Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen.
August 1972
MARSCH GEGEN DEN MILITARISMUS TRIEST - AVIANO
Der sechste Marsch gegen den Militarismus findet diesmal auf der Strecke von Triest nach Aviano statt, wo sich eine Atomwaffenbasis der NATO befindet. An der Grenze, wo die militärische Präsenz der NATO in Italien am grö ten ist, findet eine Kundgebung vor dem Militärgefängnis von Pechiera del Garda statt, in dem viele Wehrdienstverweigerer eingesperrt sind.
November 1972
38 TAGE HUNGERSTREIK FÜR EIN GESETZ ZUR ANERKENNUNG DER WEHRDIENSTVERWEIGERUNG AUS GEWISSENSGRÜNDEN AUCH IN ITALIEN
Nach 38 Tagen Hungerstreik des Sekretärs der Radikalen Partei Marco Pannella und des Vize-Sekretärs Alberto Gardin wird - auch durch das Engagement des italienischen Staatspräsidenten Sandro Pertini - der Gesetzesvorschlag zur Anerkennung der Wehrdienstverweigerung auf die Tagesordnung gesetzt. Die gewaltlose Aktion erhielt unter anderem die Unterstützung von Böll, Grass, Ginzburg, Sartre, Monod, Mantale und Silone.
Dezember 1972
DAS ITALIENISCHE PARLAMENT VERABSCHIEDET DAS GESETZ
Das Gesetz zur Anerkennung der Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen wird vom italienischen Parlament verabschiedet.
Januar 1973
DIE LIGA DER WEHRDIENSTVERWEIGERER WIRD GEGRÜNDET
In Italien wird die Liga der Wehrdienstverweigerer (LOC) gegründet, die sich mit der Radikalen Partei verbündet. Als Erste Sekretäre werden Roberto Cicciomessere, zur Zeit Abgeordneter der Radikalen Partei im Europaparlament, und Rosa Filippini, zur Zeit Abgeordnete der Grünen Liste in der italienischen Abgeordnetenkammer, gewählt.
August 1976
MARSCH GEGEN DEN MILITARISMUS METZ - VERDUN
Auf Initiative der Radikalen Partei findet der traditionelle Marsch von Trieste nach Aviano dieses Jahr auf der Strecke von Metz nach Verdun entlang der französisch-deutschen Grenze statt. Danach wir er nach Sardienien verlegt, um gegen die Stationierung von mit Atomraketen bestückten U-Booten auf der Insel La Maddalena zu protestieren. Der Marsch dauert 30 Tage, und es werden 400 km zu Fu zurückgelegt. Das Hauptthema während des Marsches ist die Forderung, die zu militärischen Zwecken benutzten Gelder und Strukturen zur zivilen Nutzung umzuwandeln.
Oktober 1977
SPANIEN: HUNGERSTREIK MARCO PANNELLAS ZUR ANERKENNUNG DER WEHRDIENSTVERWEIGERUNG AUS GEWISSENSGRÜNDEN IN SPANIEN
Am 2. Oktober beendet Marco Pannella seinen am 20. September begonnenen Hunger- und Durststreik zur Unterstützung der spanischen Wehrdienstverweigerer. Der Abbruch des zusammen mit 17 Wehrdienstverweigerern durchgeführten Hungerstreiks fällt mit der Entscheidung der militärischen Autoritäten des Landes zusammen, einen im Gefängnis von Bilbao eingesperrten Wehrdienstverweigerer freizulassen.
Oktober 1979
DER SEKRETÄR DER RADIKALEN PARTEI JEAN FABRE WIRD WEGEN "INSOUMISSION" VERHAFTET
In Frankreich wird der Sekretär der Radikalen Partei Jean Fabre wegen Wehrdinstverweigerung verhaftet. Er hatte dem französischen Gesetz zuwidergehandelt, welches es verbietet, da der Zivildienst als Kampf gegen die Vernichtung durch Hunger abgeleistet werden kann. Auf dem Parteitag in Genua im November 1976, während er im Gefängnis von Fresnes einsitzt, wird er zum Präsidenten der Radikalen Partei gewählt.
November 1984
WEHRDIENSTVERWEIGERER WIRD AUF DEM PARTEITAG FESTGENOMMEN: WEHRDIENST ZUM KAMPF GEGEN DEN HUNGER
Während seiner Rede auf dem in Rom stattfindenden Parteitag der Radikalen Partei wird der Wehrdienstverweigerer Sandro Ottoni von der italienischen Polizei verhaftet. Er hatte den nationalen Zivildienst mit der Begründung verweigert, denselben im Kampf gegen die "Vernichtung durch Hunger" im Süden der Welt ableisten zu wollen. Er wird zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.
Juli 1985
LUXEMBURG: ERSTE TAGUNG ZUR GEWISSENSPFLICHT
Die Radikale Gruppe im Europäischen Parlament organisiert eine internationale Tagung in Luxemburg zur Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen und zur Gewissenspflicht. Die teilnehmenden Verweigerer betonen ihr Recht und ihre Pflicht zur Sicherheit der Gemeinschaft mit nicht-militärischen Mitteln beizutragen.
Juli 1985
EINE VORSCHRIFT INNERHALB DER EUROPÄISCHEN GEMEINSCHAFT ZUR WEHRDIENSTVERWEIGERUNG
Ins Europäische Parlamemnt wird eine Petition eingebracht, die den Erla einer Gesetzgebungsvorschrift zur Wehrdienstverweigerung in allen Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft fordert. Die von 27.000 europäischen Bürgern unterschriebene Petition wird der Vize-Präsidentin des Europäischen Parlaments Lady Ellis durch den Bundessekretär der Radikalen Partei, Olivier Dupuis, überreicht.
Oktober 1985
OLIVIER DUPUIS: DRITTER SEKRETÄR DER RADIKALEN PARTEI IM GEFÄNGNIS WEGEN SEINER BEJAHUNG DER GEWISSENSPFLICHT
Während einer Demonstration vor dem Sitz der Europäischen Kommission in Brüssel (sh. den Artikel auf S. 37) wird das Mitglied des Sekretariats der Radikalen Partei Olivier Dupuis verhaftet.
Januar 1986
BRÜSSEL: PLIUSC UND BOUKOWSKY SAGEN ZUGUNSTEN VON OLIVIER DUPUIS ALS ZEUGEN AUS
Brüssel: Olivier Dupuis wird von einem Militärgericht zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Als Zeugen zu seinen Gunsten erscheinen die russischen Dissidenten Pliusc und Boukowsky sowie der französische Priester Cardonnel.
Juni 1986
WARSCHAU: DEMONSTRATIONEN FÜR DIE POLNISCHEN WEHRDIENSTVERWEIGERER
Radikale demonstrieren in Warschau für die Freilassung der eingesperrten polnischen Wehrdienstverweigerer und für die offizielle Anerkennung der Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen. Die radikalen Demonstranten, unter ihnen der italienische Senator Corleone, werden festgenommen, nach zwei Tagen verurteilt und des Landes verwiesen.
Juni 1986
STRASSBURG: ZWEITER KONGRESS ZUR BETONUNG DER GEWISSENSPFLICHT
Die Radikale Gruppe im Europa-Parlament organisiert den zweiten Kongre zur Bejahung der Gewissenspflicht und zur Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen in Stra burg. Besonders wird gegen die Behandlung der Wehrdienstverweigerer in Griechenland protestiert, die zu vielen Jahren Gefängnis verurteilt werden.
Juni 1987
VIER JAHRE GEFÄNGNIS FÜR DEN GRIECHISCHEN VERWEIGERER MARAGAKIS: PROTESTE GEGEN DEN GRIECHISCHEN PREMIERMINISTER PAPANDREOU IN BRÜSSEL
Die Radikale Partei organisiert eine Kampagne zur Freilassung des von einem Militärgericht in Saloniki zu vier Jahren Gefängnis verurteilten griechischen Wehrdienstverweigerer Maragakis. In Brüssel besetzten radikale Demonstranten einen Versammlungsraum, in dem der griechische Premierminister Andreas Papandreou sprechen sollte.
August 1987
MOBILISIERUNG IN GRIECHENLAND FÜR DIE ANERKENNUNG DES RECHTS AUF WEHRDIENSTVERWEIGERUNG AUS GEWISSENSGRÜNDEN
Demonstranten der Radikalen Partei in Athen fordern vom griechischen Parlament die Verabschiedung eines Gesetzes zur Anerkennung des Rechts auf Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen.
Dezember 1987
EUROPÄISCHES PARLAMENT: DAS RECHT AUF WEHRDIENSTVERWEIGERUNG AUS GEWISSENSGRÜNDEN MUSS AUCH IN DEN OSTEUROPÄISCHEN LÄNDERN ANERKANNT WERDEN
Das Europäische Parlament verabschiedet eine Dringlichkeits-Resolution, eingebracht von der Radikalen Gruppe, in der die Anerkennung des Rechts auf Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen auch in den osteuropäischen Ländern gefordert wird.
Februar 1988
ATHEN: GENERAL VIVIANE TRITT ALS ZEUGE ZUGUNSTEN DES WEHRDIENSTVERWEIGERERS MARAGAKIS AUF
General Viviane sagt im Revisionsproze gegen den griechischen Verweigerer Maragakis als Zeuge der Verteidigung aus. Viviani ist der ehemalige Kommandant der italienischen Gegenspionage und der Fallschirmjäger-Einheit "Folgore" und zur Zeit Nachfolgekandidat für das italienische Parlament auf der Liste der Radikalen Partei. Er sagt vor dem Militärgerichtshof aus, Freiheit und Demokratie könnten nicht gegen äu ere Feinde verteidigt werden, wenn beides - Freiheit und Demokratie - nicht im eigenen Lande durchgesetzt und verteidigt würden. Das Urteil gegen Maragakis wird auf 26 Monate herabgesetzt.
September 1988
AUCH IN GRIECHENLAND WIRD EIN GESETZ ZUR ANERKENNUNG DES RECHTS AUF WEHRDIENSTVERWEIGERUNG AUS GEWISSENSGRÜNDEN VERABSCHIEDET
Die griechische Regierung veröffentlicht einen Gesetzesvorschlag zur Anerkennung des Rechts auf Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen. Während der Diskussion über die von Olivier Dupuis eingebrachte Petition zur Anerkennung des Rechts auf Wehrdienstverweigerung im Petitionsausschu des Europäischen Parlaments stellt die griechische Regierung ihren Gesetzesvorschlag vor, der endlich auch in Griechenland das Recht auf Wehrdienstverweigerung und auf Zivildienst anerkennt.