ZUSAMMENFASSUNG: Der Franzose Henri Laborit, einer der bedeutendsten lebenden Biologen, unterschrieb den Appell der Radikalen Partei für die Abschaffung der Todesstrafe. Er wollte auch mit einem Artikel zu dieser Ausgabe beitragen. Wir freuen uns, seinen Beitrag an dieser Stelle veröffentlichen zu dürfen.
(DIE PARTEI NEU - No 6 - März 1992)
Ist es Euch schon einmal aufgefallen, da die Befürworter der Todesstrafe auch oft erklärte Gegner der Liberalisierung der Abtreibung sind? "La t sie leben!", sagen sie. Doch zur selben Zeit werden überall auf der Welt Tausende Menschen, nicht "mögliches" Leben, sondern Menschen in der Blüte ihres Lebens getötet, lebend mit Bulldozern in der Erde verscharrt, und der Tod der von der Gerechtigkeit der Menschen Verurteilten interressiert niemanden, denn sie bekommen ja nur das, was sie "verdienten".
Sicherlich, der Verbrecher oder der straffällig Gewordene mu bestraft werden. Persönlich glaube ich jedoch, da wir nicht wirklich sicher sein dürfen darüber, was unter dem "guten" Recht oder unter Verantwortlichkeit zu verstehen ist, um auf dieser Grundlage zu entscheiden, ob ein Mensch bestraft werden mu oder nicht. Ich wei , da die Begrifflichkeit des Gefangenen selbst in dem Konzept der Strafe eingesperrt ist, und deshalb kann die Verhaltensbiologie die den Gefangenen ebenso wie den Einsperrenden treibenden Mechanismen erklären. Abgesehen davon ist das "Recht" auf von Menschen festgelegten Mechanismen gegründet , die im Verhältnis zu geoklimatischen und epochenabhängigen Bedingungen stehen, die mit der Veränderung derselben auch selbst geändert werden. Also kann man deshalb das Einsperren nicht als Strafe bezeichnen. Eine Gesellschaft hat das "Recht", sich vor dem Einzelnen, der sich ihren Verboten und Gesetzen nicht unterwerfen will, zu schützen. Dieses Recht ist im Grunde genommen nichts anderes als
das Recht derer, die zahlreicher und stärker sind. Es gibt mehr Menschen, die sich den gesellschaftlichen Regeln gegenüber konform verhalten, als solche, die nicht konform sind. Der grö te Teil derer, die sich für den Konformismus entschieden haben, kann auch entscheiden, diejenigen, die sich nicht konform verhalten wollen, aus der Gruppe auszuschlie en. Es handelt sich hierbei nicht mehr um eine Bestrafung, sondern vielmehr um eine Ausgrenzung.
Nichts verbietet uns, sich vorzustellen, da eine gegebene Gesellschaft, an einem gegebenen Ort und zu einer gegebenen Zeit alle die Individuen, derer sie sich entledigen will, auf eine einsame Insel verbannt und es ihnen überlä t, eine neue Gesellschaft zu gründen. Das wäre jedoch keine Bestrafung, denn man mü te schon ignorant und trivial sein zu glauben, man hielte die Wahrheit über das menschliche Verhalten in der Hand.
Es ist noch nicht lange her, da die psychiatrischen Krankenhäuser, die Leprastationen oder die "Clochards" von den Gefängnissen getrennt wurden. Bis noch vor kurzen waren die Gefängnisse auch Sammelstationen für Arme, Leprakranke, "Irre" und Mörder, denn die Gesellschaft konnte all diese nicht mehr ertragen. Es verbleiben also noch die Verbrecher und Kriminellen, um die Gefängnisse weiterhin zu bevölkern, die Isolierten, letztendlich zum Schutz einer Gesellschaft, die sie als nicht konform betrachtet.
Anstatt die Pros und Contras der Todesstrafe zu diskutieren, wäre es vielleicht besser, die Mechanismen zu erklären, die ein menschliches Gehirn dazu bringen, sich für oder gegen eine solches Vorgehen auszusprechen. Dann würde uns klar werden, da die Überlegungen immer von einer Logik diktiert sind, die nicht gleichzusetzen ist mit der Biochemie des Gehirns, der Neurophysiologie, dem Gedächtnis und dem Lernvermögen, dem Verhalten und dem Urteilsvermögen, das häufig anma end ist, emotional und keine andere Werte anerkennend als die, die unsere persönliche Geschichte unbewu t in unser Nervensystem eingebrannt hat. Die Bibel gibt uns einen weisen Rat: "Du sollst nicht töten." Aber Christus wurde zum Tode verurteilt und seine Hinrichtung hat einigen Aufruhr in der Geschichte verursacht. Ihr antwortet mir natürlich, da Verbrecher nicht alle kleine Heilige seien. Aber wie könnt ihr das wissen? Wenn die Statistiken doch überall beweisen, da die Todesstrafe noch nie zur Abnahme der Bluttaten geführt hat, dann wär
e es doch umso nötiger, abgesehen von allen Statistiken und gro en Worten, das Warum zu erklären.
Die Verbrecher sind nicht das, was man von ihnen denkt: "Und Semblançay war ein so nobler Greis, soda man für richtig befand, da er den Leutnant Maillard in Montfaucon hängen lie ." (François Villon)
Henri Laborit