ZUSAMMENFASSUNG: Der in Italien ausgebildete somalische Chirurg Mohamed Aden Sheikh war einer der wichtigsten politischen Führungspersönlichkeiten in den sechziger Jahren in Somalia, als das Regime des Siad Barre versuchte, die somalische Nomaden-Gesellschaft radikal nach den Prinzipien des "wissenschaftlichen Sozialismus" umzuwandeln.
1975 wurde er das erste Mal aus politischen Gründen verhaftet. 1982 lie ihn der Diktator erneut unter der Anklage der "Verschwörung" inhaftieren, 1989 wurde er, auch dank einer weiten internationalen Informationskampagne freigelassen. Seitdem ist er Mitglied der transnationalen Radikalen Partei. Wir drucken hier sein Interview mit Radio Radicale ab.
(DIE PARTEI NEU - No 6 - März 1992)
Radio Radicale- "Der Bürgerkrieg in Somalia hat bisher schon 40.000 Tote gefordert. Warum wird darüber in den Nachrichten so wenig berichtet?"
Aden Sheik - "Die Wahrheit ist, da die Zahl 40.000 nur für die Umgebung von Mogadishu und den Süden gilt. Im Norden können wir meiner Meinung nach von weiteren 30.000 ausgehen, und zwar nur für die Zeit vor dem Fall Siad Barres. Die Ereignisse in Somalia sind für die Nachrichtenmedien aus verschiedenen Gründen von geringer Bedeutung. Der Fall Siad Barres und die Eroberung der Macht durch militärisch organisierte Stammesgruppen wurde durch die Ereignisse des Golfkrieges, durch den Zusammenbruch der Regime im Osten Europas und durch die Jugoslawienkrise überdeckt. "
R.R. - "Vor wenigen Tagen wurde eine UN-Friedensinitiative beendet. Im immer noch geteilten Mogadishu gibt es weiterhin Tote. Gibt es überhaupt noch Spielräume zur Vermittlung zwischen den beiden sich bekämpfenden Gruppen, der des Präsidenten Al Mahdi und der Generals Mohamed Farah Aidid, die sich ja beide auf den Vereinigten Kongre Somalias berufen?"
Aden Sheik - "Erst einmal sollte bemerkt werden, da Mogadishu nicht mit ganz Somalia gleichzusetzen ist. Dann kommt es darauf an, wann die beteiligten Parteien des Kampfes müde zu werden beginnen, wie es ja immer wieder in Bürgerkriegen geschieht. Dieser ist in diesem Falle allerdings als ein Bürgerkrieg gegen - im soziologischen Sinne - nicht bürgerliche Gruppen zu bezeichnen, denn diejenigen, die in diesem Krieg sterben, sind die Armen, die Schwachen, diejenigen, die keinerlei institutionalisierte Macht besitzen. Schon im Januar diesen Jahres habe ich mir eine Intervention der UNO herbeigewünscht, das Eingreifen eines begrenzten Kontigents von Blauhelmen, als eine die Trennungslinien kontroliierende Streitkraft, damit dem Volk Somalias ein Waffenstillstand gewährt wird, in dem man sich die Zeit zum Nachdenken, zur Versöhnung nimmt. Dieser Vorschlag wurde nicht gerade von vielen somalischen Landsleuten unterstützt, denn viele glaubten immer noch, die Position zur Durchsetzung einer gewissen Vorherrschaft
zu besitzen. Doch heute, glaube ich, haben viele eingesehen, da sie sich geirrt haben."
R.R.- "Warum gelingt es der OUA (Organisation für die Einheit Afrikas), die im Konflikt in Liberia vermittelt hat, nicht, auch, in Somalia einzugreifen?"
Aden Sheik - "Ich meine, die OUA hat noch niemals irgendein Problem in Afrika lösen können. Das Eingreifen in Liberia wurde von einer Gruppe westafrikanischer Staaten durchgesetzt, die sich dazu entschieden hatten und eine Vermittlungskraft dorthin geschickt haben. Die OUA hat keinerlei eigene Macht, sowie auch die ostafrikanischen Staaten über nichts dergleichen verfügen."
R.R. - "Ziehen die letzteren nicht auch ein direktes Eingreifen Äthopiens in Betracht?"
Aden Sheik - "Sicherlich. Aber das heutige Äthopien ist nicht dasselbe wie gestern. Heute wird Äthopien von Männern regiert, die den Imperialismus Heile Selassies und auch die blutige Diktatur Mengistus besiegt haben, und deshalb sehen sie sich in der Notwendigkeit, Autonomie und Selbstbestimmung aller umliegenden Regionen zu akzeptieren. Sie sind politische Führer, die über eine generelle Neuorganisation des Horns von Afrika nachdenken."
R.R. - "Du hast einmal die Situation in Somalia und die in Kroatien gleichgesetzt. Marco Pannella hat die Bildung von gewaltlosen Brigaden vorgeschlagen, auch für Somalia, um den Konflikt zu beenden. Hältst du das für eine machbare Alternative?"
Aden Sheik - "Ich meine, da ein Eingreifen in jedem Fall notwendig ist. Ein Eingreifen, wie es Pannella und die anderen Genossen in Kroatien gemacht haben, erscheint mir in diesem Moment ziemlich schwierig und unsicher zu sein. Ich schlage dagegen vor, eine Art Abordnung von Freunden und Genossen zu formieren, die dann in die Nachbarländer Somalias - zum Beispiel Kenia und Djibuti - gehen, um erste Daten und Fakten für einen Verständigungsproze zwischen den Somaliern und dafür zu sammeln, da die Öffentlichkeit über das, was heute in Somalia geschieht, besser informiert werden kann."
R.R. - "In deinem Beitrag auf dem Parteitag der Radikalen Partei hast du an die Kampagne der Radikalen Partei für deine Freilassung aus dem Gefängnis erinnert. Möchtest du darüber an dieser Stelle vielleicht auch etwas sagen?"
Aden Sheik - "Wenn ein Mensch über Jahre isoliert wird, und er dann in seiner Einsamkeit an die anderen denkt, an die da drau en, die miteinander reden, Musik hören, essen, ein ganz normales Leben leben, und die nicht die geringste Idee von dem haben, was da drinnen, auf der anderen Seite dieser Mauern, passiert, dann verzweifelt man. Das was mich und viele von uns die ganze Zeit hochgehalten hat, war eben die Tatsache, da im Ausland viele Freunde waren, die an uns dachten."
R.R. - "Warum bist du Mitglied der Radikalen Partei geworden?"
Aden Sheik - "Weil die Radikale Partei eine Partei ist, die die Parteien überwunden hat. Da sie im Sinne Gandhis handeln will, das hat mich angezogen, und auch die von ihr angegangenen politischen Themen sind universal. Das ist der Beginn einer umfassenderen, allgemeinen Verständigung, ohne all die bekannten Zwangsjacken der Grenzen aller Art. Sie bindet dir nicht die Hände. Die Mitgliedschaft in der Radikalen Partei hindert dich nicht daran, mit anderen politischen Formationen und Kräften zu sprechen und ins Gespräch zu kommen. Wichtig ist auch diese ermögliche Universalität, die alle zwingt, über den Menschen an sich und den Begriff der Solidarität nachzudenken."