ZUSAMMENFASSUNG: Wir legen eine "Chronik" der in den letzten Monaten durchgeführten Aktionen vor, während derer auch die Mittel der direkten, gewaltfreien Aktion zum Einsatz kamen, um die internationale Gemeinschaft zu einem Eingriff in die dramatische Situation des ehemaligen Jugoslawien zu bewegen.
Die Unverantwortlichkeit, die Schwäche, die Feigheit auch und die entgegengesetzten Interessen sowie der Mangel an entsprechenden Institutionen haben zu dieser gegenwärtigen Tragödie beigetragen.
----------------------------
Bereits 1979, während die westlichen Regierungen die jugoslawische "Blockfreiheit" und "nationale Unabhängigkeit" betonten, forderten wir, auch im Parlament, da die Europäische Gemeinschaft sich des Problems Jugoslawien annehmen sollte. Wir wollten ein in Europa, in ein politisches Europa integriertes Jugoslawien. Nur ein politisch integriertes Europa mit übernationalen demokratischen Institutionen, in dem sich die sozialen und wirtschaftlichen Forderungen auch der schwächsten Sektoren und Regionen auf parlamentarischer und gesetzgebender Ebene Geltung verschaffen können, wird, kann Mittel- und Osteuropa eine Zukunft garantieren, in der sich die Dialektik und die Tolleranz zwischen entgegengesetzten Interessen durchsetzen kann.
In den letzten Monaten haben wir gehandelt, auch indem wir zu direkten, gewaltfreien Aktionen gegriffen haben: während wir schreiben, es ist der 24.Mai `92, ist Marco Pannella in der dritten Woche seines Hungerstreiks gegen die Massaker in Bosnien-Herzegowina, wo man, wie schon so oft, die unverantwortliche Abwesenheit der internationalen Institutionen konstatieren kann.
(DIE PARTEI NEU - No 7 - MAI 1992)
Am 26.Juni 1991, nachdem die Nachricht vom Angriff der jugoslawischen Bundesarmee auf die slowenische Republik bekannt worden war, nehmen die Radikale Partei und Marco Pannella Stellung "für die Anerkennung der nationalen Souveränität Kroatiens, Sloweniens und Mazedoniens und der menschlichen, politischen und demokratischen Rechte des albanischen Volkes in der Provinz Kosovo". Während der ersten Sitzung des Föderativen Rats, die vom 19. bis 22. September in Rom stattfinded, schreibt sich Zdravko Tomac, Vizepräsident der kroatischen Regierung, in die Radikale Partei ein. Au er ihm schreiben sich noch weitere slowenische und aus der Provinz Kosovo stammende Persönlichkeiten ein und Marco Pannella kündigt eine gewaltfreie Hungerstreikaktion an, die bis zum 3. November dauern wird.
Auf der Grundlage des vom Föderativen Rat gestellten Antrags legen in den darauffolgenden Wochen die in der Radikalen Partei eingeschriebenen Parlamentarier dem europäischen und dem italienischen Parlament ähnliche Texte vor.
Wiederholt durch Fliegeralarm unterbrochen, werden in Zagabria vom 31. Oktober zum 3.November die Arbeiten zur zweiten Tagung des Föderativen Rats durchgeführt, im Beisein und unter Mitwirkung zahlreicher kroatischer Regierungsmitglieder (u.a. schreibt sich Franjo Greguric, Vorsitzender des Kroatischen Rats, in die Radikale Partei ein), sowie unter Anwesenheit von Carlo Ripa di Meana, EG-Kommissar, Mairead Corrighan, Friedensnobelpreisträger, Iliaz Ramajli, Exilpräsident des Parlaments der Provinz Kosovo (auch sie Mitglieder der Partei) und 60 eingeschriebenen Abgeordneten aus 10 verschiedenen Ländern. In dem Antrag werden zahlreiche Initiativen entschieden, die der internationalen Anerkennung und der Respektierung der Menschenrechte aller Minderheiten des ehemaligen Jugoslawien dienen sollen.
Vom 8. bis 15. November organisiert die Radikale Partei in Brüssel, Budapest, Madrid, Moskau, Prag und Rom Demonstrationen vor den Botschaften des ehemaligen Jugoslawiens: verlangt wird die Anerkennung der Unabhängigkeit der Republiken und der Rücktritt der Botschafter.
Mit der Nachricht vom Fall der seit drei Monaten belagerten Stadt Vukovar nimmt Pannella seinen Hungerstreik wieder auf. Einige russische, tschechische und kroatische Abgeordnete schlie en sich dieser gewaltfreien Aktion an.
Am 9. und 10. Dezember demonstrieren in Maastricht und in Stra burg - aus Anla des "europäischen Gipfeltreffens" - Hunderte von Anhängern der Radikalen Partei und kroatische Bürger für die Anerkennung Kroatiens und Sloweniens, für die Zulassung der gesetzmä igen Vertreter der Provinz Kosovo in Aja und für den Rückzug der Botschafter aus Belgrad.Am 22. Dezember unterschreiben über 100 Abgeordnete des italienischen Parlaments einen von der Radikalen Partei angeregten Appell für die Anerkennung von Slowenien und Kroatien, in dem sie sich verpflichten, die Republik Serbien nicht anzuerkennen, wenn diese keine angemessenen Garantien für die Wahrung der Minderheitenrechte geben wird.
In denselben Tagen erklärt Marco Pannella im Verlaufe einer Pressekonferenz in Stra burg - im Beisein des Anführers der Provinz Kosovo, Adem Demaqi, dem auf Vorschlag der in der Radikalen Partei eingeschriebenen Europaparlamentarier der "Sacharov-Preis" verliehen wird - seine Gründe "eine gewaltfreie, direkte Aktion für Demokratie, Frieden und Freiheit mit den kroatischen Verteidigern von Osjiek" durchzuführen, der slawonischen Stadt, die seit Monaten belagert wird. An der Aktion nehmen au er Pannella die radikalen Parlamentarier Roberto Cicciomessere, Lorenzo Strik Lievers und Alessandro Tessari teil, ferner die Aktivisten Lucio Berte', Olivier Dupuis, Renato Fiorelli, Sandro Ottoni und Joseph Pinezic. In der Silvesternacht schlie en sich die waffenlosen Radikalen an drei Frontstellen den kroatischen Verteidigungskräften an.
Vom 9. bis zum 12.Januar findet in Rom der IV.Kongre der italienischen Radikalen statt; im Verlaufe der Arbeiten schreiben sich sieben Soldaten der Bundesarmee, die in Kroatien gefangen waren, in die Radikale Partei ein.
Während der ersten Tagung des XXXVI. Kongresses der Radikalen Partei zeichnet sich in Dutzenden von Beiträgen politischer Persönlichkeiten aus Mazedonien, der Voivodina, der Provinz Kosovo, aus Serbien und Kroatien eine allgemeine Position ab, die in dem von Zdravko Tomac präsentierten Antrag zum Ausdruck kommt, welcher einen neuen Appell an die internationale Gemeinschaft richtet und sie an ihre schwerwiegenden Verschulden erinnert. Es werden Hunderte von Unterschriften von Mitgliedern der Partei und politischen Persönlichkeitengesammelt, für eine von der Europäischen Gemeinschaft ausgehenden Initiative zur Befreiung der Kriegsgefangenen in Serbien und Kroatien.
Zur selben Zeit überstürzt sich die Situation in Bosnien-Herzegowina und in Sarajewo tobt sich die Zerstörungswut aus: der bosnische Präsident Izetbegovic wird von den Bundessoldaten gefangengenommen. Der Kongre kündigt einen gewaltfreien Marsch zum italienischen Regierungsgebäude an, um auf unmittelbare Ma nahmen zu drängen, italienische und europäische: Ministerpräsident Andreotti empfängt in der Nacht zum 3.Mai Tomac, Pannella und eine Delegation des Kongresses.
-------------------------------------------
"Das kriminelle Verhalten Italiens und der Europäischen Gemeinschaft, nicht nur das der Regierungskräfte sondern auch das der Friedensgruppen und der Linken, gegenüber den Taten der militaristischen, antidemokratischen Mächte, die in Belgrad und von Belgrad aus herrschen, mu eine wirksame Verurteilung und wirksame Alternativen finden, damit das Recht auf Leben und das Überleben des Rechts sich behaupten und verteidigt werden können! Darum beginne ich ab morgen einen Hungerstreik, verbunden mit politischen und parlamentarischen Aktionen". Mit dieser am 6.Mai `92 verbreiteten Erklärung kündigt Marco Pannella eine gewaltfreie Hungerstreikaktion an, an der sich in den darauffolgenden Tagen über 2.000 Parteianhängern sowie zwei Abgeordnete des kroatischen Parlaments beteiligen: Ivan Bacic und Josip Valincic, von der kroatischen demokratischen Union (HDZ), beide Mitglieder der Radikalen Partei.