ZUSAMMENFASSUNG: 1992 haben sich etwa 350 Esperantisten aus 30 Ländern in die Radikale Partei eingeschrieben. Darunter Andrea Chiti Batelli, ehemaliger Sekretär der italienischen parlamentarischen Abordnung im Europaparlament und Präsident der ERA, der Esperantovereinigung der Radikalen, die in zahlreichen Ländern der Welt Mitglieder hat; Hans Herasmus, Koordinator der "Europa Esperanto Unio"; Fabrizio Pennacchietti, Vizepräsident der "Internationalen Akademie der Wissenschaften" und Präsident des "Italienischen Esperantoinstituts"; Emilija Lapenna, Schriftstellerin und historische Figur der "Internationalen Esperantobewegung", Gründerin der "Kroatia Esperanto-Ligo". Wir möchten, da die in der Welt verteilten Esperantisten, die diese Zeitung erhalten, begreifen, da ihre Idee sich nur dann durchsetzen kann, wenn sie das Instrument, die politische Organisation findet, die sich für das Problem der sprachlichen Demokratie einsetzt. Die Radikale Partei bietet ihnen diese konkrete Möglichkeit.
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Interview mit Joseph Turi, kanadischer Professor und Anwalt, Generalsekretär der Internationalen Akademie des Sprachrechts: "Im Bereich der internationalen Kommunikation wird das Recht auf Sprache zu einem theoretischen Recht. Aus diesem Grund wäre eine neutrale und artifizielle Sprache das Ideal für eine internationale Sprache".
(DIE NEUE PARTEI, März 1993)
Die Sprache ist in vielen Ländern zu einem Nationalsymbol geworden, zur Manifestation der Landeskultur. Sind sie damit einverstanden?
Ja. Viele denken, da die Sprache als kulturelles Symbol sogar der Rasse und der Religion vorzuziehen ist. Aber welcher Unterschied besteht in Wirklichkeit zwischen diesen Auffassungen? Es handelt sich in jedem Fall um ausschlie ende Auffassungen. Wenn die Sprache als Manifestation einer Kultur angesehen wird, und es ist klar, da die Sprache ein wichtiges Kommunikationsmittel darstellt, so mu sie als solche respektiert werden. Nicht eine besondere Sprache. Jede Sprache. Auch deswegen ist die Internationale Akademie für Sprachrecht für die Anerkennung des Rechts auf Sprache als Grundrecht.
Was hei t das, Recht auf Sprache?
Das hei t Recht auf jede Sprache und nicht auf eine besondere. Wäre das nicht so, dann würden wir zum alten mittelalterlichen System zurückkehren, wo jeder die Religion seines Herrschers ausüben mu te. D.h. wenn einer nach Quebec geht, mu er Französisch sprechen, wenn er in Estland ist, estnisch, wenn er nach Wales geht, Englisch. Man würde zu anderen Kriegen zurückkehren: den Sprachenkriegen. Deshalb halte ich es z.B. die Idee des historischen Sprachrechts, nach der nur die seit Jahrhunderten in einem Gebiet gesprochenen Sprachen geschützt werden sollen, für äu erst gefährlich. Die, die keine historischen Rechte haben, haben überhaupt keine Rechte. Die Sprachen der Einwanderer in Europa haben z.B. keinerlei Rechte. Die Marokkaner und die Algerier in Frankreich hätten demnach kein historisch verankertes Recht.
Wie verträgt sich diese Unterscheidung mit dem allgemeineren Prinzip des Rechts auf Sprache?
Das historische Sprachrecht ist eine konkrete Manifestation des Rechts auf Sprache. Dies ist das Recht, das als Grundrecht anerkannt werden mu .
D.h., jeder spricht seine eigene Sprache, Welches sind die Grenzen dieses Prinzips?
Das Recht auf Sprache ist kein absolutes Recht. Im Bereich der internationalen Kommunikation wird das Recht auf Sprache zu einem theoretischem Recht. Aus diesem Grund brauchen wir eine internationale Sprache. Heute ist das Englisch, gestern war es Französisch, Latein, morgen wird es vielleicht eine andere Sprache sein. Deshalb ist eine neutrale, künstliche Sprache im Grunde das Ideal für eine internationale Sprache. Im nationalen Bereich wäre es notwendig, da die Staaten das Grundrecht auf Sprache anerkennen und es gibt und wird noch zahlreiche Vorschläge zur Abfassung einer Allgemeinen Erklärung der Sprachrechte geben. Bereits der Art.27 des internationalen Abkommens von 1976 erkennt das Recht der Minderheiten auf den Gebrauch ihrer Sprache an. Dieses internationale Abkommen verbietet wie die Menschenrechtserklärung von 1948 jegliche sprachliche Diskriminierung. Es gibt bereits internationale Dokumente, die in einem gewissen Sinne das Recht auf Sprache unterstützen. Noch gibt es keine allgemeine Erklärung
der Sprachrechte, vielleicht, weil die Staaten befürchten, da ihre politische und nationale Einheit auseinanderfällt.
Worin würde eine Charta der Sprachrechte bestehen?
Die Charta, von der ich sprach und die die UNESCO erstellt, auch wenn sie kein offizielles Dokument dieser Organisation darstellt, ist ein Projekt der internationalen Föderation der Vereinigungen der Dozenten für moderne Sprachen. Diese Föderation bereitet seit Jahren eine allgemeine Erklärung der Sprachrechte vor, in der jeder Person das Recht zugestanden wird, ihre eigene oder jede gewünschte Sprache zu sprechen und in der offiziellen Sprache ihres Landes sowie in ihrer eigenen Sprache oder in einer Sprache ihrer Wahl unterrichtet zu werden. Weiter wird das allgemeine Prinzip des Rechts auf Sprache anerkannt und ferner das Recht auf Sprache im Bereich des Unterrichts. Es gibt bereits einen Vorschlag für eine allgemeine Erklärung des Rechts auf Sprache und ein Dokument, das dieses Jahr von der UNESCO zusammen mit diesem Vorschlag veröffentlicht werden soll.
Wie wirkt sich die Trägheit der Bürokratie auf die Wirksamkeit der von der Charta für Sprachrechte sanktionierten Prinzipien aus?
Es stimmt, da die internationalen Organismen, die internationalen Abkommen und Erklärungen nicht besonders wirksam sind. Dies ist leider die Realität der internationalen Gemeinschaft. Es ist jedoch auch war, da es in einigen Fällen funktioniert. Die Türkei zum Beispiel hatte ein äu erst strenges Sprachgesetz für die kurdische Sprache erlassen. Es gab eine sehr starke internationale Reaktion und die Türkei hat dieses Gesetz annulliert.
Auf jeden Fall hat eine internationale Erklärung Konsequenzen. In einigen Ländern, welche die internationalen Verpflichtungen schneller wahrnehmen, wie Kanada zm Beispiel, hätten sie sicher Wirkung.
Wahrscheinlich wäre es notwendig, starke politische Bewegungen zu organisieren, welche auf die Respektierung der sprachlichen Minderheiten drängen. Eine wirksame Vorgehensweise, um das Recht auf Sprache zu schützen, wäre, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene, die Anerkennung einer künstlichen neutralen Sprache. Sehr oft verwandelt sich nämlich das Recht auf Sprache auf nationaler Ebene in den Gebrauch der offiziellen Sprache und auf internationaler Ebene in den Gebrauch des Englischen.
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DAS RECHT AUF SPRACHE
Das Thema der "sprachlichen Demokratie" und im besonderen des Esperanto, wurde in einem der Ausschüsse des Kongresses zusammen mit dem allgemeineren Thema "Föderalismus und Nationalität, politisches und Zivilrecht, Minderheitenrechte" diskutiert. In diesem Ausschu unter dem Vorsitz von Erno Borbely, ehemaliger Abgeordneter des rumänischen Parlaments, und Sandro Ottoni, föderalistischer Rat der Radikalen Partei, haben zu diesem Thema u.a. gesprochen: Ferenc Csubela und Anton Skenderovic, Abgeordnete des serbischen Parlaments; Kolio Paramov, bulgarischer Abgeordneter, Vjekoslav Zuhaj, kroatischer Abgeordneter, alle Mitglieder der Versammlung der Parlamentarier der Radikalen Partei. Auf dem Kongre hat Helmar Frank gesprochen, Direktor des Instituts für Kibernetische Pädagogik an der Universität Paderborn und Mitglied der Radikalen Partei.
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IN DEN PARLAMENTEN...
Dank des von Luigi Vertemati, sozialistischer Europaparlametarier und Mitglied der Radikalen Partei und von Marco Pannella im letzten August vorgelegten Resolutionsvorschlages, hat das Europäische Parlament beschlossen, eine Untersuchung darüber durchführen zu lassen, ob das Esperanto die Erlernung von Fremdsprachen erleichtert (Paderborner Methode).
In Italien ist eine föderalistische Arbeitsgruppe über Sprache und die Reform der Sprachpolitik gegründet worden. Ihr sind 36 Parlamentarier aus allen politischen Parteien, ausgenommen die rechtextremistischen Parteien, beigetreten.